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CARLOS ACOSTA

Tänzer

Interview
Interview
00:07:13

Es ist nicht gerade ein kleiner Sprung vom rauen Straßenjungen in Havanna zur Rolle des Albrecht in Giselle, doch Carlos Acosta ist auch nicht für kleine Sprünge bekannt. Seit zwei Jahrzehnten vollführt er in aller Welt zweistellige Pirouetten, kehrt dabei oft in seiner Heimatstadt ein, nur um bald wieder davonzuspringen. Und im Verlauf seiner Karriere ist er wahrscheinlich zum zweitberühmtesten lebenden Kubaner der Welt geworden. In England, wo er seit 1998 festes Ensemblemitglied des Royal Ballet ist, wird Acosta auf der Straße von Menschen erkannt, die noch nie eine klassische Tanzaufführung gesehen haben. Die Zeitschrift The Economist beschrieb ihn als „den kubanischen Billy Elliot – ein Kind aus ärmlichen Verhältnissen, das über Vorurteile und bescheidene Herkunft triumphierte.“

Acosta hat ein Haus in Nordlondon, in dem er mit seiner Freundin Charlotte (einer „Nicht-Tänzerin“) lebt. „Wir führen ein normales Leben – Einkaufen, Kino, Haareschneiden beim israelischen Friseur in Islington“, sagte Acosta vergangenen November gegenüber der Sunday Times. „Die Leute sprechen mich im Bus oder in der U-Bahn an. Sie können gar nicht glauben, dass ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahre.“ Doch er hat nie ein Geheimnis aus seiner Sehnsucht nach Havanna gemacht und kehrt zurück, so oft er kann, besucht Freunde und Familie, tritt manchmal auf, unterrichtet gelegentlich an der Nationalen Ballettschule, aber meistens macht er einfach Pause von seinem hektischen Terminplan in England. Als ein Journalist des Guardian ihn fragte, welchen Ort er Zuhause nennt, antwortete er („verzweifelt“): „Flughäfen.“

Während einer seiner jüngsten Zwischenstationen in der kubanischen Hauptstadt traf der Filmemacher Pavel Giroud mit Acosta zusammen und sprach mit ihm für Havana Cultura.

Wie sich herausstellt, war es nicht Carlos Acostas Vorliebe für erstaunliche Sprünge, die ihn zum Balletttänzer machte. Das war die Idee seines Vaters. Carlos wurde 1973 geboren, als jüngstes von 11 Kindern. Mit neun Jahren verbrachte er bereits mehr Zeit mit Breakdance und Lausbubenstreichen als in der Schule. Sein Spitzname: Junior el Desastre. Daher beschloss sein Vater Pedro 1982, ihn in die Ballettausbildung zu schicken – die Nationale Ballettschule Kubas. Junior hatte keine andere Wahl.

Ballett ist an sich keine typische Strafe für kubanische Jungs. Ein guter Tänzer zu sein, bedeutet Geld, Fernsehauftritte, Reisen in andere Teile der Insel oder sogar in alle Welt. Doch Carlos Acosta wollte Fußball spielen. Er lehnte sich gegen die strenge Ballettausbildung auf und wollte zurück nach Hause. „Ich flehte meinen Vater an, mich da rauszuholen“, erinnert er sich. „Ich zettelte Prügeleien an.“ Bevor es für ihn jedoch besser wurde, kam es zuerst einmal noch viel schlimmer. Seine Mutter erlitt einen Schlaganfall, sein Vater kam nach einem Verkehrsunfall ins Gefängnis und die Nationale Ballettschule verlor schließlich die Geduld mit Carlos. Er wurde auf ein Internat in Pinar del Río geschickt.


Acostas Erweckung für das Ballett erfolgte eines Abends, als er 13 war, bei einer Vorführung des kubanischen Nationalballetts. (1994 sollte er Solotänzer unter der legendären künstlerischen Leiterin des Ensembles, Alicia Alonso, werden). „Ich beobachtete all diese fantastischen Tänzer bei ihren Sprüngen und erkannte: Mensch, das bin ja ich in ein paar Jahren.“

Seine schulischen Leistungen verbesserten sich. Er war ein Ausnahmetalent. Er gewann ein Stipendium beim Turiner Ballett, die Goldmedaille beim Prix de Lausanne, den Großen Preis beim 4. Concours International de Danse de Paris, der alle zwei Jahre stattfindet, den Preis des Tanzfestivals Vignaledanza und den Frédéric-Chopin-Preis – und das alles in einem Jahr, 1990, als er 16 war.

Von seinem lebenslangen Kampf gegen das Heimweh berichtet Acosta in seiner Autobiografie No Way Home (2007); dasselbe Thema taucht auch in seinem eigenen Ballett Tocororo: A Cuban Tale auf, das 2002 in Havanna Premiere feierte. Letzten Sommer jedoch führte Acosta die Idee der „Heimkehr“ auf eine völlig neue Ebene: Er kehrte zu einer groß angelegten einwöchigen Tournee mit 80 Tänzerinnen und Tänzern des Royal Ballet nach Havanna zurück. Aufgeführt wurde das Bravourstück des Royal Ballet, Manon, das 1974 erstmals in London unter der Choreografie von Sir Kenneth MacMillan gezeigt worden war.

Der Kreis hatte sich geschlossen: Er hatte London nach Havanna gebracht und bezeichnet dies als eine seiner größten Leistungen. Doch wie wir Carlos Acosta kennen, sind noch viele weitere große Leistungen zu erwarten.

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