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Sie mögen das Gewissen der kubanischen Hip-Hop-Szene sein, doch Alexey Rodríguez Mola und Magia Lopez sind viel zu bescheiden, um sich als solches zu sehen. Völlig egal, dass sie gemeinsam mit The Roots auf der Bühne gestanden haben und dass Harry Belafonte, Afrika Bambaata und Mos Def zu ihren Fans zählen. Vergessen wir ihren herausragenden Track auf der Compilation „Cuban Hip-Hop All Stars“. Ignorieren wir einfach ihre Star-Performance in einem Dokumentarfilm von 2005, der ihnen von Open-Mike-Sessions auf kubanischen Hauspartys („Bonches“) bis hin zu ihrem historischen, gegen alle Widerstände erfolgten Auftritt im New Yorker Apollo-Theater folgt. Obsesión, wie sich das Ehepaar als Duo nennt, stellt unter Beweis, dass Bescheidenheit und Hip-Hop-Ruhm nicht inkompatibel sind.
Alexey und Magia leben und arbeiten in Regla, einem industriellen Vorort östlich von Havanna. Eine Erdölraffinerie, Werften und Lagerhäuser bilden das wirtschaftliche Herz von Regla. Doch Reglas Seele gehört dem afrokubanischen Kulturerbe, das mit den befreiten Sklaven begann, die sich im 19. Jahrhundert hier niederließen. Die ersten der Abakuá-Geheimbünde – die sich die Èfìk-Ékpè- und Ejagham-Úgbè-Bruderschaften im Südosten Nigerias und Südwestkamerun zum Vorbild nahmen – wurden schon 1836 in Regla gegründet. Heute kommen Santería-Pilger und alle möglichen Touristen hierher, um die Santisima Virgen de Regla, die Statue der „Schwarzen Madonna“, zu besuchen, die in der Kolonialkirche der Stadt zu finden ist.
Etwa drei Häuserblocks von dieser Kirche entfernt liegt der Arbeitsplatz von Obsesión – eine Wohnung, in der Wohn- und Arbeitsraum synonym sind, wo eine PC-Mischkonsole, eine behelfsmäßige Aufnahmekabine, ein Bett und Bücherregale in einem Zimmer koexistieren. An der Wand hängt ein Poster, das die Freilassung des schwarzen US-Aktivisten Mumia Abu-Jamal fordert. An einer anderen Wand hängt ein Gemälde von der kubanischen Flagge. („Wir haben es nach unserer Show in Kanada geschenkt bekommen“, erklärt Alexey.)
Als wir sie kürzlich besuchten, nahmen sie gerade Tonspuren für einen Song auf ihrem nächsten Album auf, Alexey war in der Aufnahmekabine und Magia an der Konsole, und dann ging es andersherum weiter. Innerhalb eines Herzschlags kann Magias Stimme sich von einem sinnlichen Flüstern in einen vernichtenden Power-Hieb verwandeln. Alexeys Arrangements zeichnen sich ebenso häufig durch übereinander gelagerte Funk-Breakbeats aus wie durch spärliche Perkussion, wie die Conga-Trommeln, die den Hintergrund zu Magias Tribut an die Prostituierten Havannas bilden: „Sie nennen dich Puta, sie wissen nicht, dass dein Körper gesegnet ist…“
Als Geburtsort des kubanischen Rap gilt normalerweise Alamar, ein weiterer Vorort östlich von Havanna. Seit 1995 findet hier jeden Sommer das Alamar Festival statt, das wichtigste Rap-Aushängeschild der Insel, bei dem kubanische Künstler sich die Bühne mit Mos Def, Talib Kweli, Common, Dead Prez und anderen Stars aus aller Welt teilen. Alexey und Magia traten beim zweiten Alamar Festival auf, gerade mal zwei Monate, nachdem sie Obsesión gegründet hatten. Danach war es nur noch ein kleiner Schritt über die Bucht hinweg, zu den renommiertesten Veranstaltungsorten Havannas: Cine Riviera, La Piragua, La Tropical, Gran Teatro de la Habana.
Alexey war Breakdancer und Fan des US-amerikanischen Hip-Hop (den Kubaner „La Moña“ nennen). Er arbeitete als Dreher und Bildhauer, als er Magia 1993 kennenlernte. Sie war vier Jahre lang mit einer afrokubanischen Tanzgruppe aufgetreten und hatte Kommunikationswissenschaften studiert, bevor auch sie sich der Bildhauerei zuwandte.
Alexey und Magia hatten einen gemeinsamen Hip-Hop-Traum, der wenig damit zu tun hatte, ihre Hände in der Luft zu schwenken, als sei ihnen alles egal. „Wir sahen Obsesión als eine Art Stimmgabel“, erinnert sich Alexey, „die es uns gestattete, den richtigen Ton zu treffen, wenn wir verschiedene Aspekte der Liebe bzw. gesellschaftliche und politische Themen behandelten.“
Als Texter, Komponist und Produzent von Obsesión hat Alexey erheblich dazu beigetragen, die Rolle des Hip-Hop als legitimer Ausdrucksform der kubanischen Kultur unter Beweis zu stellen. Durch seine Mitarbeit in einem multidisziplinären Kunstprojekt namens La Fabri-K unterstützt er neue Rapper und ermutigt sie, mit Malern, Bildhauern, Dichtern und Tänzern zu interagieren. Unterdessen war Magia eine wesentliche Inspiration bei den Diskussionen, die jedes Jahr auf dem Alamar Festival stattfinden – besonders eloquent setzte sie sich dort für die Rechte der Frau ein.
Neben diversen kubanischen Hip-Hop-Compilations war Obsesión an einigen überraschenderen Kollaborationen beteiligt. Das Duo erscheint auf dem Album „Tiene Que Ver“ des Jazzmusikers Roberto Fonseca und auf Augusto Enriques „Cuando yo sea Grande“, beide aus dem Jahr 1998.
Der Titel der ersten Obsesión-CD, die im Jahr 2000 erschien, ist dagegen weniger überraschend: „Un Montón de Cosas“ (Ein Haufen Sachen) spielt auf die vielfältigen Interessen von Alexey and Magia an. Auch dies war eine Kollaboration mit Roberto Fonseca, der komponierte, arrangierte und produzierte.
Neben ihren musikalischen Unternehmungen zählen zu Obsesións Aktivitäten auch Entwicklungsprojekte für Gefängnisse und benachteiligte Stadtteile von Havanna sowie der Plan, zwei Theatergruppen für Kinder zu gründen. 2006 nahmen sie am Weltsozialforum in Venezuela teil und traten auf dem Hip-Hop-Festival auf, das dem Kampf gegen AIDS gewidmet war.