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Francis del Río ist eine der Säulen der kubanischen Fusion-Szene, aber „Kon-Fusion“ beschreibt seine Arbeit vielleicht besser. Er ist ein Sänger, der tanzt, ein Dichter, der malt, ein Dandy, der sich kleidet „wie ein Clown“ (seine eigenen Worte). Seine Eltern tauften ihn Francisco, doch schon immer nennen ihn alle nur Francis, und er scheint prädestiniert zu sein, die Menschen zu verwirren.
Del Río hat auf einigen der besten Alben gesungen, die im letzten Jahrzehnt auf Kuba entstanden sind. Er hat mit Bobby Carcassés zusammengearbeitet, mit X Alfonso, Roberto Carcassés, Carlos Alberto Cartaya, Descemer Bueno, Pavel Urquiza und Telmary Diaz und er spielte eine wesentliche Rolle in Interactivo, dem bahnbrechenden kubanischen Musikkollektiv. Del Ríos erstes und einziges Soloalbum, „Sentimiento“, erschien 2004 und wird in einem Onlineshop als „heiße lateinamerikanische Tanzmusik, verschmolzen mit Jazz, Son, Salsa und afrokubanischen Rhythmen“ beschrieben.
„Ich habe viele verschiedene Arten Musik gemacht“, erklärt er. „Einige mochte ich am Anfang nicht, oder verstand sie nicht, doch heute mag und verstehe ich sie, und zum Schluss kommt immer ‚Fusion’ dabei heraus.“
Del Río wurde 1965 in Granma geboren, der südwestlichen Provinz Kubas, wuchs aber in Havanna auf, wo er bei seiner Großmutter lebte. Seine Eltern waren Mitglieder der jungen Guerillabewegung von Fidel Castro in den Bergen der Sierra Maestra, dem historischen Ausgangsort der kubanischen Revolution. Sein Vater war Soldat, seine Mutter arbeitete für die Alphabetisierungskampagne.
„Ich begann mit Malerei – ich hatte Ausstellungen, verkaufte meine Arbeiten“, erinnert er sich. „Mit 27 begann ich, Musik zu machen.“ 1991 fing del Río (mit 36 Jahren) an, bei einer Gruppe namens Sonoridad Latina zu singen. Im folgenden Jahr erschien er in einem Cabaret namens „Timba Suicida“ unter der Leitung von Santiago Alfonso. Ein Jahr lang sang er im Chor der Show mit.
„Ich habe dem Phänomen der kubanischen Timba viel zu verdanken“, sagt del Río. Und auch Calle 42 verdankt er viel, der Gruppe, der er sich 1994 auf Initiative des Perkussionisten Raimundo Martinez anschloss. „Es ist wirklich schade, dass Calle 42 aufgelöst wurde, denn es war eine tolle Gruppe. Sie half mir herauszufinden, wer ich bin. Ich glaube nicht, dass man mich als erstklassigen Timbero bezeichnen kann, aber ich glaube, es ist mir gelungen, einen Teil der Brutalität der Timba hinter mir zu lassen und mich ganz der Ernsthaftigkeit und Schönheit der Timba zu widmen.“
Obgleich eine exakte Definition schwer ist, kann die kubanische Timba auf jeden Fall als Tanzmusik bezeichnet werden, und Tanzen spielt für Francis del Río eine wesentliche Rolle: „Das erste, was ich mache, wenn ich mir einen Song ausdenke, ist, dazu zu tanzen. Ich tanze stundenlang, bis zum Morgengrauen, und in meiner Fantasie sehe ich mich selbst, beim Grooven und Tanzen, mit einem Chor von Leuten, die rufen: Er ist verrückt! Sie wiederholen das wie ein Mantra, und so gelange ich in eine Art ekstatischer Trance. Es törnt mich voll an, und wenn es auch andere Leute antörnt, ist das völlig in Ordnung.“
Del Río hat besonderes Interesse am Guaguancó, einem Tanzstil, der in afrokubanischen Ritualen verwurzelt ist und den man auf praktisch jeder Rumbaparty auf der Insel erleben kann. Die charakteristische musikalische Komponente des Guaguancó ist ein verlangsamter Mamborhythmus; die Tanzbewegungen sollen das Balzverhalten von Hahn und Henne imitieren: Der Tänzer vollführt Hüftschwünge namens „Vacunao“, seine Partnerin wehrt ihn mit wiederholtem Wirbeln ihres Rocks ab.
Del Ríos Problem ist die Frage, wie er seine beiden Leidenschaften, das Tanzen und das Singen, unter einen Hut bringen kann. „Wenn du im Stehen singst, tanzt du auch. Diese beiden Sachen gleichzeitig zu machen, und sie gut zu machen – ich weiß nicht, ob das möglich ist.“
Er gibt zu, dass seine Bühnenauftritte gelegentlich verwirrend sein können, aber, so sagt er, daran kann er nichts ändern. „Ich versuche, so ruhig, so normal wie möglich zu singen und mich gleichzeitig so merkwürdig anzuziehen und so seltsam zu tanzen, wie ich nur kann. Ich bin ein Clown, ich verkleide mich gern, bringe die Leute gern zum Lachen. Einige Leute verstehen das völlig falsch und kritisieren die Art, wie ich mich kleide, aber ich mache es aus Spaß – das ist Unterhaltung. Nach der Show werde ich wieder zum normalsten Menschen der Welt, so unbedeutend, wie es nur möglich ist.“
Mehr Verwirrung, mehr Widersprüche: Francis del Río beschreibt sich selbst als Vagabund, der ständig von einem Ort zum nächsten zieht, aber seine Reisen scheinen sich auf verschiedene Stadtteile von Havanna zu beschränken. Er ist schon in Mexiko, Kolumbien, Brasilien und Italien aufgetreten, aber er sagt: „Ich messe dem Reisen keine große Bedeutung bei. Schließlich ist die ganze Welt im Internet. Mir ist die Musik wichtig, das ist alles.“
Gleichzeitig jedoch gefällt ihm die Idee, ein ausländisches Publikum über kubanische Musik aufzuklären. „Als ich Kuba zum ersten Mal verließ, spielte ich auf einem Festival in Brasilien“, sagt er. „Und ich erkannte, dass die Leute wirklich nicht wussten, was heute in der kubanischen Musikszene los ist. Sie wollten alte kubanische Lieder hören, als wollten sie das Bild von Kuba, das in ihrer Fantasie lebte, bewahren – ein Bild, das mit der Realität nichts zu tun hat. Ich meine, wenn ich ‚Guantanamera’ singen soll, dann singe ich es mit aller Liebe der Welt, aber warum sollte man mich heute noch darum bitten, ‚Guantanamera’ zu singen? Es ist doch so viel mehr los.“